Genau dieser Erfahrung widmet sich das Bilderbuch "Mutmurmeln für den ersten Schultag" von Sarah Welk und Caroline Opheys (arsEdition, 2024). Es greift die Lebenswirklichkeit von Kindern auf und nimmt ihre Gefühle ernst. Anhand einer einfachen, für Kinder gut nachvollziehbaren Geschichte zeigt das Buch, dass Mut nicht bedeutet, keine Angst zu haben, sondern sich trotz Unsicherheit auf Neues einzulassen. Damit holt das Bilderbuch Kinder in ihrer Situation rund um den Schulanfang unmittelbar ab und bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte für Gespräche über Sorgen, gemeisterte Herausforderungen und persönliche Mutmacher.
Inhalt
Das Buch erzählt von den Nachbarkindern Lolle und Linus, die kurz vor ihrer Einschulung stehen. Während Lolle zwar aufgeregt, aber voller Vorfreude dem Schulbeginn entgegensieht, zeigt Linus Ängste und Unsicherheiten hinsichtlich der Einschulung. Er hegt Zweifel und stellt sich viele Fragen: Wie wird es in der Schule wohl sein? Kriege ich das alles geregelt? Linus steigert sich in seine Sorge hinein, indem er viele: „Was ist, wenn…?“-Situationen gedanklich durchspielt.
Lolle möchte Linus etwas von seiner Angst nehmen und hat eine originelle Idee: Sie erfindet eine Mutmurmel.
Die Murmel fungiert als Symbolträger für gesammelte Mut-Erfahrungen. In vier unterschiedlichen Mutproben erleben die Kinder, dass sie schwierige Situationen bewältigen können. Der dabei erfahrene Mut wird symbolisch in der Murmel gespeichert und kann in neuen, herausfordernden Situationen wieder aktiviert werden. Mit jeder bestandenen Mutprobe füllt sich die Murmel weiter mit den gesammelten Mut-Erfahrungen der Kinder.
Als erstes sammeln die Kinder eine Mut-Erfahrung auf dem Kirschbaum: Sie klettern bis zum vierten Ast hinauf und überwinden dabei ihre Unsicherheit. Die Murmel wird dadurch mit Mut aufgeladen.
Als Nächstes wagen sich Lolle und Linus in einen dunklen Keller und harren dort einige Minuten aus. Auch diese Erfahrung erfordert Mut und stärkt die symbolische Kraft der Murmel.
Eine weitere Herausforderung besteht darin, etwas Ekliges zu essen. Die Kinder entscheiden sich für Radieschen, die angeblich fast so ekelig wie Regenwürmer schmecken, und überwinden ihr Unbehagen. Auch dieser Moment des Überwindens wird symbolisch in der Murmel bewahrt.
Den Abschluss der Mutproben bildet ein heimlicher Klingelstreich beim Nachbarn. Auch dieser Situation stellen sich die beiden. Mit jeder gemeisterten Herausforderung wächst die Murmel als Symbol für die gesammelten Mut-Erfahrungen und erinnert die Kinder daran, dass sie bereits vieles geschafft haben.
So entsteht am Ende eine Kirschbaum-Keller-Radieschen-Mut-Murmel.
Mit dieser besonderen Murmel ist Linus für den Schulanfang bestens gerüstet, aber dann kommt alles anders als geplant.
Linus' Vater wirft abends beim Aufräumen die Mutmurmel in einen Eimer, indem sich schon ganz viele andere Murmeln befinden. Und nun?
Um sich sicher zu fühlen, muss Linus wohl jetzt alle Murmeln mit zur Schule nehmen.
Und dann kommt alles so, wie es kommen muss: Natürlich kippt der Murmeleimer um und alle Murmeln kullern durch die Gegend. Dabei stecken sich die Murmeln gegenseitig mit Mut an und geben ihre besondere Energie an alle anderen Murmeln weiter.
In der Schule darf sich jetzt jedes Kind eine Mutmurmel nehmen. Auch die Lehrerin nimmt eine - denn sie ist schließlich genauso aufgeregt wie die Kinder.
Nachdem jedes Kind nun eine Murmel hat, werden die übrigen Murmeln in einem Glas gesammelt. Und jeder, der zukünftig mal ein bisschen Extra-Mut braucht, darf sich dann eine Mutmurmel aus dem Glas nehmen.
Warum das Buch religionspädagogisch wertvoll ist
Das Bilderbuch zeigt: Angst vor neuen Situationen ist normal. Sie gehört zu neuen Herausforderungen dazu. Entscheidend ist nicht, ob Angst da ist - sondern wie man mit dieser umgeht.
Hier bietet die Geschichte eine konkrete Lösung an: Mut kann symbolisch gesammelt werden. Im Buch steht jede Murmel für eine herausfordernde, gemeisterte Situation, für eine kleine Erfahrung von "Ich habe es geschafft". "Mut" bleibt somit kein abstraktes Gefühl, sondern wird sinnlich erfahrbar.
Ängste werden nicht verdrängt oder versteckt, sondern werden ausgesprochen und miteinander geteilt.
In Verbindung mit stärkenden christlichen Ritualen wie dem Segen, eröffnet das Bilderbuch im Gottesdienst oder Religionsunterricht Erfahrungsräume, in denen Kinder spüren können: Du bist nicht allein unterwegs. Gott geht mit dir - auf dem Schulweg, in den Klassenraum und durch alle neuen Erfahrungen hindurch. So wird Zuspruch nicht nur erzählt oder vorgelesen, sondern gemeinsam erlebt und gedeutet.
HIER finden Sie Ideen für den Religionsunterricht zum Buch.
Auf das Buch bezogene Elemente für einen Gottesdienst finden Sie HIER.